'Smart Water' und Baden im Hafenbecken: Kopenhagen im Klimawandel

Städte sind keine Shoppingcenter und keine Architekturausstellungen, sondern Orte, an denen Menschen wohnen. Und wenn die Menschen an diesen Orten nicht mehr wohnen wollen, stirbt die Stadt. Daher ist unser oberstes Ziel in Kopenhagen die „Livability“. Ein Kunstwort, das für uns aber ganz konkrete Auswirkungen hat: Die Leistungen einer Stadtverwaltung sind eben nicht nur messbar am Wirtschaftswachstum, am Steueraufkommen oder an der Zahl der Baustellen. Wir haben ganz konkrete Vorgaben, wie wir das Leben der Bürger verbessern wollen – und das messen wir mit Umfragewerten zur Livability: „Wie wohl fühlst du dich in deiner Stadt?“ Wir haben sogar eine dreifache Buchhaltung, in der neben Geld auch Werte wie die nachhaltige Nutzung von Ressourcen genau aufgeschlüsselt werden.

Stadtplanung für den Klimawandel

Ole Larsen, Direktor Climate Adaptation Living Lab (CALL) Copenhagen
Ole Larsen, Direktor Climate Adaptation Living Lab (CALL) Copenhagen

Die beiden größten Herausforderungen für Städte in den nächsten 50 Jahren sind der Klimawandel und der Bevölkerungszuwachs. Wir müssen es schaffen, diese beiden Rahmenbedingungen zu beeinflussen – und uns an sie anzupassen. Darum soll Kopenhagen bis 2025 CO2-neutral sein, die ganze Stadt. Dafür muss man nicht nur hier und da etwas verbessern, man muss an allen Schrauben drehen, die man finden kann. Der wichtigste CO2-Faktor, den Kommunalpolitik tatsächlich beeinflussen kann, ist der Verkehr. Darum haben wir in Kopenhagen dem Fahrrad Priorität gegeben: Heute radeln täglich 62 Prozent der Bürger zur Arbeit oder zur Schule – nur noch 9 Prozent nutzen dafür ein Auto.

Ein anderes Beispiel: In Kopenhagen wurde 2001 beschlossen, das Hafengebiet zu revitalisieren. Um alle auf dieses Ziel einzuschwören, haben wir uns etwas Spektakuläres vorgenommen: Wir wollten die Wasserqualität so weit verbessern, dass wir in unserem Hafen baden können. Heute haben wir an mehreren Orten im Stadthafen öffentliche Schwimmbäder. Anders als in vielen anderen Städten schwimmen wir jedoch nicht in abgetrennten Becken– sondern direkt im Hafenwasser. Das Hafengebiet entwickelte sich zu einem sozialen und kulturellen Zentrum. Dadurch stieg die „Livability“. Und damit stieg auch der Wert der vorher brach liegenden Flächen: Jetzt haben wir dort Stadtviertel, in denen Menschen gerne leben. Wir investieren wirklich in die Stadt, und das zahlt sich für die Bürger aus.

Dasselbe gilt für unsere Wasserwirtschaft. Wir gehen davon aus, dass wir im Zuge des Klimawandels häufiger sogenannte Starkregenereignisse erleben werden. Das heißt, so starke Regenfälle, dass die Kanalisation mit dem Transport des Abwassers überfordert ist: Das Resultat sind Überflutungen. Solche Bilder kennen wir aus der ganzen Welt, die Probleme sind überall die gleichen. Um das zu verhindern, müsste man nun die gesamte Kanalisation einer Stadt vergrößern, also auf höhere Mengen auslegen. Sie können sich vorstellen, was das kostet. Wir versuchen, hier einen anderen Weg zu gehen: Wir nennen das SMART WATER. Wir wollen Bereitstellung und Nutzung von Wasser vollständig digitalisieren, bis hin zum Endverbraucher. Dazu verknüpfen wir etwa Regenradar und Niederschlagssensoren mit einer Leitstelle, die dann die Kanalnetze automatisch so effizient wie möglich nutzt. Wasser fließt, wird gestoppt, umgelenkt, in Überlaufbecken geleitet – alles berechnet anhand von Realdaten in Echtzeit.

Wichtig dabei ist einerseits die Technologieoptimierung: In Kopenhagen gibt es 3.000 Überlauf- oder Rückhaltebecken, die historisch bedingt nach Bedarf gebaut wurden und dementsprechend ganz unterschiedlich konstruiert sind. Wir entwickeln derzeit standardisierte Module als Prototypen. Das reduziert natürlich Entwicklungskosten – und vor allem könnten solche Module dann auch weltweit eingesetzt werden, wenn sie sich in unserem Regen bewährt haben. Andererseits brauchen wir auch Prozessoptimierung. Wir haben uns beispielsweise gefragt, ob wir die Kanalisation in solchen Fällen von dem Abwasser entlasten können, das wir im Normalfall schon in den Kanälen haben. Die Lösung: Wir schotten von der zentralen Leitstelle aus ganze Abwasserstränge ab und schließen auch die Frischwasserzufuhr zum Beispiel zu bestimmten Wohngebieten. Das ist natürlich ein starker Eingriff in das Leben der Bürger, die dann nicht mehr duschen oder Wäsche waschen können. Aber: Wenn man erklärt, dass es sich um eine Notmaßnahme handelt, die sehr selten vorkommen wird – dann sind die Bürger bereit, abzuwägen: Wie wichtig ist eine zeitlich begrenzte Komforteinschränkung, wenn auf der anderen Seite tatsächlich sehr viel Geld gespart werden kann? 80 Prozent des Wasserpreises fließen in Anlagen und Arbeitszeit – hier geht es um Milliarden, die wir ansonsten einfach nur in größere Rohre unter der Erde stecken würden. Wir meinen, da gibt es intelligentere Lösungen.

Klimaanpassung nach Plan

Im Jahre 2011 folgte dann der Beschluss eines offiziellen Klimaanpassungsplans und ein Jahr später, 2012, der Starkregenplan. Beide Pläne formulieren ehrgeizige Ziele für die Klimaanpassung des städtischen Raums. In den kommenden 20 Jahren werden allein im Kerngebiet der Stadt mindestens 500 Millionen Euro investiert, damit Schäden vorgebeugt werden kann. In der Vergangenheit verursachten einzelne Wolkenbrüche bereits Schäden von bis zu 700 Millionen Euro.

Seit dem Inkrafttreten der Pläne wurden zahlreiche Bauprojekte realisiert. Einige der technischen Lösungen, mit denen wir arbeiten, sind bereits erprobt und haben sich an anderen Orten in der Praxis bewährt. Wir sehen jedoch immer noch großen Entwicklungsbedarf und Raum für Innovation. Trotz der mehrjährigen Erfahrung, die Stadt und Versorgungsgesellschaft mittlerweile mit dem Thema haben, ist auch Kopenhagen immer noch nicht an einem Punkt angelangt, an dem man von „Business as usual“ sprechen kann. Es gibt zahlreiche offene Fragen, die einer Antwort bedürfen; zum Beispiel gibt es noch ungeklärte Fragen zur Kosteneffizienz von dezentralen Regenwasserlösungen und zu den Auswirkungen auf die Wasserwirtschaft. Es gibt auch offene Fragen zur Smart-City-Thematik: Wie lassen sich Digitalisierung und Klimaanpassung in Einklang bringen und welche Synergien gibt es? Welche Plattformen, Sensoren und Geschäftsmodelle brauchen wir, damit sich Smart-City-Lösungen wirklich rentieren? Wir beschäftigen uns jedoch auch mit recht greifbaren Dingen wie der Erprobung neuer technischer Komponenten und Systeme. Im Moment entwickeln wir beispielsweise ein Regenrinnenventil, das dazu beitragen kann, der Bildung von Überdruck in Kanalisationssystemen vorzubeugen, und so Überschwemmungen bei Starkregenereignissen verhindert.

Ole Larsen an einer der Wasseraufbereitungsanlagen in Kopenhagen
Ole Larsen an einer der Wasseraufbereitungsanlagen in Kopenhagen

Klimawandel braucht globale Zusammenarbeit

CALL Copenhagen steht für „Climate Adaptation Living Lab for Greater Copenhagen“. Gründungspartner sind die Stadt Kopenhagen, die Hauptstadtregion Dänemarks, die regionale Versorgungsgesellschaft HOFOR und BIOFOS, die regionalen Abwasserbetriebe. CALL entwickelt, demonstriert und vermarktet nachhaltige, umsetzbare und skalierbare Lösungen zur Anpassung an den Klimawandel. Wir setzen auf innovative globale Zusammenarbeit mit Städten, Versorgern, Forschungseinrichtungen und Unternehmen. Und natürlich mit Ingenieursdienstleistern – denn Experten müssen sich so viel und so oft wie möglich austauschen. Gerade im Bereich Wasserwirtschaft sind die langjährige Erfahrung von DMT und die dort entwickelten Computermodelle ungemein wertvoll. Etwa die Nutzung des Digital-Twin-Prinzips, das uns in die Lage versetzt, ein komplettes, dreidimensionales Abbild von Grund- und Oberflächenwasser eines bestimmten Gebietes zu erstellen. Die Analysen, die dabei „im Trockenen“ entstehen, erlauben es dann, verschiedene Szenarien durchzuspielen: Was passiert, wenn große Mengen Regenwasser auf zu kleine Abflussrohre treffen? Wo genau könnte man Überlaufbecken anlegen? Auf welchem Weg fließt das Wasser schnellstmöglich ins Hafenbecken? All das und viele weitere Fragestellungen müssen wir vorab berücksichtigen – und müssen so nicht auf den nächsten Wolkenbruch warten, um daraus zu lernen.

Man muss sich große Ziele setzen – und sie auch symbolisch aufladen, damit jeder weiß, worum es geht und damit ein Erfolg nicht nur messbar ist, sondern auch sichtbar wird für die Bürger. Im Prinzip so, wie John F. Kennedy eine ganze Nation auf das Ziel Mondlandung einschwor: „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, in diesem Jahrzehnt den Mond zu erreichen – nicht, weil es leicht ist, sondern gerade weil es schwierig ist.“ Und genau so müssen wir auch den Klimawandel angehen.


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